Sünden und Bestimmung

Facebook
Twitter
Telegram
WhatsApp
Email

Sünden und die Prädestination

Kurze Zusammenfassung der Frage:

Warum geschieht es, dass manche Menschen in gewissen Sünden herabsinken, die zwar aus ihnen rausmöchten, aber Allāh taʿālā ihnen nicht hilft.

Ich werde in dieser Antwort ganz und gar nicht tief eindringen in die Facetten dieser Thematik, die einen starken Zusammenhang mit der Prädestination (al-qaḍāʾ wa al-qadar) hat. Einige stichpunktartige Gedankenansätze nenne ich, um sich mit diesem Sachverhalt etwas vertraut zu machen.

• Grundsätzlich sollten solche Fragen nicht gestellt werden. Es handelt bei dieser Frage nicht um die Weisheit der Gesetzgebungen Allahs, sondern eine direkte Frage in Bezug auf die Taten Allahs. Allāh taʿālā sagt:

{لَا يُسْأَلُ عَمَّا يَفْعَلُ وَهُمْ يُسْأَلُونَ} [الأنبياء: 23]
Er wird nicht befragt nach dem, was Er tut; sie aber werden befragt.

al-imām aṭ-Ṭaḥawī sagt hierzu:
„Alles läuft nach Seiner Bestimmung und nach Seinem Willen, Sein Wille setzt sich durch, kein Wille steht den Dienern zu, außer, was Er ihnen zuschreibt. Was Er also für sie entschied, geschieht, und was Er nicht will, geschieht nicht.“
Etwas weiter sagt er dann: „Der Kern der Vorbestimmung ist ein Geheimnis Allahs in Seiner Schöpfung, weder ein nahestehender Engel, noch ein entsandter Prophet hat dazu Zugang. Dies tief zu hinterfragen ist ein Mittel zum Scheitern und ein Weg zur Abschirmung (vom imān) und die Stufe der Überschreitung. So sei man gewarnt davor, zu viel darüber nachzudenken oder einzusehen oder von Einflüsterungen befallen zu werden, denn Allah der Erhabene verschwieg das Wissen der Vorbestimmung seinen menschlichen Geschöpfen und hat ihnen verweigert, es zu erlangen, so sagte der Erhabene „Er wird nicht befragt nach dem, was Er tut; sie aber werden befragt (nach dem, was sie tun)“ Wer also fragt: „Wieso hat er das getan?“ verwirft das Urteil des Buches und wer das Urteil des Buches zurückwirft, gehört zu den kāfirūn.“

Die Prädestination begründet auf den absoluten Willen Allahs, auf das Erschaffen, die Weisheit und das Wissen Allāhs. Das Wissen Allahs ist grenzenlos, die Menschen in all ihren Fähigkeiten begrenzt und dementsprechend kann das begrenzte das unbegrenzte nicht gänzlich nachempfinden. Daher sagte ʿAlī – رضي الله عنه -, als er über den al-qadar befragt wurde:

طَرِيقٌ مُظْلِمٌ، فَلا تَسْلُكْهُ „، قَالَ: أَخْبِرْنِي عَنُ الْقَدَرِ؟ قَالَ: بَحْرٌ عَمِيقٌ فَلا تَلِجْهُ „، قَالَ: أَخْبِرْنِي عَنُ الْقَدَرِ ؟ قَالَ: “ سِرُّ اللَّهِ فَلاتُكَلَّفْهُ “

Es ist ein abgründiger Weg, also beschreite ihn nicht.“ Die Person fragte abermalig: „Sage mir etwas über den al-qadar.“ Er sagte: „Es ist ein tiefer See, gehe nicht hinein.“ Er fragte wieder und ʿAlī sagte: „Es ist ein Geheimnis Allahs, belaste dich nicht damit.“

al-Lālakāʾī überliefert über Ibn Masʿūd, dass der Gesandte Allahs – صلى الله عليه وسلم – sagte: „Wenn die Prädestination erwähnt wird, dann haltet euch zurück und wenn meine Gefährten erwähnt werden, dann haltet zurück…“

• Die Wahrheit in Bezug auf die Werke des Menschen lautet (als der goldene Mittelweg zwischen den Extremen der Qadarīya und der Ǧabrīya): Der Mensch erschafft nicht seine eigenen Handlungen noch ist er zu ihnen gezwungen. Allah ist es vielmehr, der die von dem Menschen ausgehenden Handlungen erschafft, obwohl der Mensch eine freie Wahl betreffs ihrer besitzt.

• Das Vorwissen Allāhs macht eine Handlung nicht unfrei.

• Wie dieses ganze Universum von Allāh auf dem Prinzip von Ursachen und Wirkungen geschaffen wurde, so verhält es sich teilweise auch mit der Recht- und Irreleitung. Für die Rechtleitung (zum Guten) gibt es gewisse Ursachen die alle zusammenwirken müssen um zur gewünschten Wirkung zu kommen. Einzelne Ursachen sind meistens unzulänglich. Du erwähntest in deiner Frage die Aussage Allahs:

{إِنَّ الَّذِينَ تَوَفَّاهُمُ الْمَلَائِكَةُ ظَالِمِي أَنْفُسِهِمْ قَالُوا فِيمَ كُنْتُمْ قَالُوا كُنَّا مُسْتَضْعَفِينَ فِي الْأَرْضِ قَالُوا أَلَمْ تَكُنْ أَرْضُ اللَّهِ وَاسِعَةً فَتُهَاجِرُوا فِيهَا فَأُولَئِكَ مَأْوَاهُمْ جَهَنَّمُ وَسَاءَتْ مَصِيرًا} [النساء: 97]

Diejenigen, die die Engel abberufen, während sie sich selbst Unrecht tun, (zu jenen) sagen sie: „Worin habt ihr euch befunden?“ Sie sagen: „Wir waren Unterdrückte im Lande.“ Sie (die Engel) sagen: „War Allahs Erde nicht weit, sodass ihr darauf hättet auswandern können?“ Jene aber, – ihr Zufluchtsort wird die Hölle sein, und (wie) böse ist der Ausgang!“

Hier wird festgehalten, dass sie die Ursachen für den Schutz vor Sünden nicht genutzt haben, durch die Allah sie vor dem Versinken in die Sünden bewahrt und gerettet hätte. Wenn die nötigen Ursachen nicht genutzt werden, und dann ungeladene Dinge stattfinden, dann ist der Mensch doch selbst verschuldet aufgrund eigener Fahrlässigkeit. Es ist wie jemand inbrünstig auf den Acker wartet und den starken Wunsch danach hat, aber nichts gesät hat. Das Beispiel, welches du in deiner Frage nanntest, dass eine Person ständig in die Unzucht fällt, obwohl er davon fortkommen möchte, könnte auf ein selbes Verhalten zurückgeführt werden. Zu den Ursachen der Rechtleitung gehört es, Ortschaften der Schlechtigkeiten zu verlassen, wenn sie ihn zum Schlechten verführen. Tut er es nicht und fällt wiederum in die Sünde, dann sollte er sich selbst rügen. Gleiches gilt für jemanden, der in die Unzucht verfällt, weil er die Vorboten der Unzucht nicht unterdrückt, wie etwa den Drang seinen Blicken ungezügelten Lauf zu lassen. Genau wie die Rechtleitung Ursachen hat, die das gute Handeln bewirken, so haben auch die Missetaten Ursachen, die den Frevel herbeiführen.

• Eine der größten Ursachen für den Schutz vor dem Versinken in die Sümpfe der Sünden ist der ṭauḥīd. Wer das Bezeugnis „Lā ilāha illā ʾllāh“ mit lückenloser Aufrichtigkeit und Gewissheit sagt, der kann überhaupt nicht auf den Sünden verharren. Der die lückenlose Aufrichtigkeit und Gewissheit verursacht, dass die Liebe Allahs in seinem Herzen alles überwiegt und jeden Winkel seines Herzens erfüllt. Somit verfliegt alles andere aus dem Herzen des Dieners in Bezug auf seine Liebe, Ehrfurcht, Verherrlichung, Hoffnung und dem Vertrauen. Wer in einem solchen Zustand ist, der kann keine flammende Liebe zu den Sünden haben. Das Verharren auf Sünden beruht im Grunde aber am Gefallen und der Liebe zu diesen. Sünden entstehen in der Regel aus zwei Dingen: den Gelüsten und den Missverständnissen. Es ist nicht möglich zu behaupten, dass ein Mensch ein „guter“ Muslim ist und bis zum Überlaufen mit dem imān gefüllt ist, aber seine Taten diesem nicht entsprechen. Die Taten sind das Erbe des Herzzustandes.

• Unter „Gut“ und „Böse“ versteht man vielfach die Harmonie bzw. Disharmonie mit der Natur, und die Bestimmung, eine vollkommene oder unvollkommene Eigenschaft zu bilden. Gut und Böse sind also relative Modi, die unser Empfinden betreffen. In Bezug auf Allāhs Handeln ist alles gut und zweckentsprechend richtig. Das bedeutet, dass es Dinge gibt, die Allāh als selbe will und andere, die Allāh taʿālā will, nicht wegen ihrer selbst, vielmehr wegen der Zwecke die aus diesen Dingen effizieren. Man kann dies mit einem Beispiel darstellen. Bittere, ekelerregende Medizin kann gewollt sein, nicht weil sie selbst ein Zweck ist, vielmehr wegen den nützlichen Dingen zu denen sie führt, nämlich dem eigentlichen Zweck. Das Erschaffen vom Teufel, der Ursache des Übel ist nicht selbst gewollt, aber seine Existenz führt zu Dingen, die ohne seine Existenz nicht auf dieser Art und Weise existieren könnten. Durch die Existenz von ihm wird die Macht Allahs gezeigt gegensätzliche Dinge zu erschaffen, wie die Engel und den Teufel. Das Ausbleiben dieses „Übels“ entspricht nicht seiner Weisheit. Zudem kommen dadurch die Auswirkungen seiner Namen und Eigenschaften ans Tageslicht, wie z. B. der Bezwinger (al-Qahhār), der sich Rächende (al-Muntaqim), der, der Schaden und Nutzen schafft (an-Nāfiʿ aḍ-Ḍār), der Weise (al-Ḥakīm). Ohne die Existenz des Übels könnten viele Formen der Dienerschaft nicht veranlasst werden. Würde es die Sünden nicht geben, würde es die Reue nicht geben. Es würde die Loyalität und Distanzierung für Allah nicht geben, die Anbetung der Geduld, die Anbetung des Vorziehens Allahs Befehle gegenüber eigener Gelüste und Neigungen.

ولله أعلم